Ross-Verfahren
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Das Ross-Verfahren ist ein spezialisiertes herzchirurgisches Operationsverfahren, bei dem eine erkrankte Aortenklappe durch die körpereigene Pulmonalklappe des Patienten ersetzt wird. Diese Operation zählt zu den komplexesten, aber auch zu den physiologisch besonders eleganten Eingriffen der modernen Herzchirurgie. Das Ross-Verfahren zielt darauf ab, die Funktion der Aortenklappe mit einem lebenden, wachsenden und sich anpassenden Gewebe wiederherzustellen und gleichzeitig die Notwendigkeit eines lebenslangen Einsatzes von Blutverdünnungsmitteln zu vermeiden. In der medizinischen Fachsprache wird dieser Eingriff häufig auch als Pulmonalisautograft bezeichnet, was den Ursprung der neuen Aortenklappe aus der Lungenstrombahn beschreibt.
Begriffliche Einordnung und Grundprinzip
Das Ross-Verfahren gehört zur Gruppe der Klappenersatzoperationen, unterscheidet sich jedoch grundlegend von herkömmlichen mechanischen oder biologischen Klappenprothesen. Während konventionelle Verfahren entweder künstliche Materialien oder tierische beziehungsweise menschliche Spenderklappen verwenden, nutzt das Ross-Verfahren die eigene Pulmonalklappe des Patienten als Ersatz für die Aortenklappe. Anschließend wird die entfernte Pulmonalklappe selbst durch eine biologische oder künstliche Prothese ersetzt. Auf diese Weise entsteht ein zweistufiger Klappenersatz, der sowohl die Ausflussbahn des linken Herzens als auch die des rechten Herzens betrifft.
Im Zentrum des Konzepts steht die Idee, dass eine lebende, körpereigene Klappe in der Hochdruckposition der Aortenklappe langfristig bessere hämodynamische Eigenschaften und eine bessere Anpassungsfähigkeit bietet als eine starre Prothese. Das Ross-Verfahren stellt daher eine Form des autologen Gewebeersatzes dar, bei dem das transplantierte Gewebe immunologisch vollständig verträglich ist und sich ideal in die bestehende Herzstruktur einfügt.
Historische Entwicklung
Das Ross-Verfahren wurde in den 1960er Jahren von dem britischen Herzchirurgen Donald Ross entwickelt. Zu dieser Zeit standen mechanische Herzklappen und erste biologische Klappenprothesen im Zentrum der klinischen Praxis, waren jedoch mit bedeutenden Nachteilen verbunden. Mechanische Klappen erforderten eine dauerhafte Antikoagulation, während biologische Klappen insbesondere bei jüngeren Patienten eine begrenzte Haltbarkeit aufwiesen. Vor diesem Hintergrund suchte Ross nach einer Lösung, die den natürlichen Klappenaufbau besser nachahmt und insbesondere für Kinder und junge Erwachsene langfristig vorteilhaft ist.
Die ersten erfolgreichen Anwendungen des Ross-Verfahrens markierten einen Wendepunkt in der Herzklappenchirurgie. In den folgenden Jahrzehnten wurde das Verfahren in spezialisierten Zentren weiterentwickelt, verfeinert und in unterschiedlichen technischen Varianten angewendet. Obwohl das Ross-Verfahren bis heute weltweit nur von einem begrenzten Kreis hochspezialisierter Herzchirurgen routinemäßig durchgeführt wird, hat es sich insbesondere in ausgewählten Patientengruppen als anerkanntes Standardverfahren etabliert.
Anatomische und physiologische Grundlagen
Funktion der Aortenklappe
Die Aortenklappe trennt den linken Ventrikel von der Aorta und steuert den Blutfluss vom Herzen in den Körperkreislauf. Sie öffnet sich während der Systole, um das sauerstoffreiche Blut aus dem linken Ventrikel in die Aorta strömen zu lassen, und schließt sich während der Diastole, um einen Rückfluss des Blutes in das Herz zu verhindern. Bei Erkrankungen wie Aortenklappenstenose oder Aortenklappeninsuffizienz ist diese Funktion erheblich gestört, was zu einer Überlastung des Herzens und langfristig zu Herzinsuffizienz führen kann.
Funktion der Pulmonalklappe
Die Pulmonalklappe befindet sich zwischen dem rechten Ventrikel und dem Truncus pulmonalis. Sie arbeitet in einem Niederdrucksystem und steuert den Blutfluss in die Lungenstrombahn. Anatomisch ähnelt sie der Aortenklappe, allerdings sind die Druckverhältnisse in der Lungenstrombahn deutlich geringer als im Körperkreislauf. Diese strukturelle Ähnlichkeit bildet die Grundlage für das Ross-Verfahren, da die Pulmonalklappe nach Transplantation in die Aortenposition die Funktion der Aortenklappe übernehmen kann, sofern sie anatomisch gesund ist.
Indikationen für das Ross-Verfahren
Das Ross-Verfahren wird vor allem bei Patienten eingesetzt, bei denen ein Aortenklappenersatz notwendig ist und bei denen bestimmte Kriterien erfüllt sind. Typische Indikationen umfassen:
Junge Patienten mit schwerer Aortenklappenstenose oder Aortenklappeninsuffizienz, bei denen eine langfristige Lösung mit günstiger Prognose angestrebt wird.
Kinder und Jugendliche, bei denen das Wachstum des Herz-Kreislauf-Systems noch nicht abgeschlossen ist und herkömmliche Prothesen aufgrund fehlender Wachstumskapazität Nachteile aufweisen.
Patienten mit aktiven Lebensstilen, die eine dauerhafte Antikoagulation nach mechanischem Klappenersatz vermeiden möchten, etwa Sportler oder Menschen in Berufen mit erhöhtem Verletzungsrisiko.
Patienten mit Kontraindikationen gegen eine dauerhafte orale Antikoagulation, beispielsweise bei hohem Blutungsrisiko oder bestehender Schwangerschaftswunsch.
Das Ross-Verfahren ist besonders dann angezeigt, wenn die Pulmonalklappe selbst gesund ist und keine strukturellen Auffälligkeiten aufweist. Liegen relevante Erkrankungen oder Fehlbildungen der Pulmonalklappe vor, ist das Ross-Verfahren in der Regel nicht geeignet.
Kontraindikationen und Einschränkungen
Trotz seiner Vorteile ist das Ross-Verfahren nicht für alle Patienten gleichermaßen geeignet. Kontraindikationen können sein:
Ausgeprägte Bindegewebserkrankungen, etwa bestimmte Formen des Marfan-Syndroms, bei denen eine strukturelle Schwäche der Aortenwurzel besteht und das Risiko für spätere Erweiterungen oder Aneurysmen erhöht ist.
Schwere pulmonale Hypertonie, da die Druckverhältnisse im kleinen Kreislauf die Funktion der neu eingesetzten Pulmonalklappenprothese beeinträchtigen können.
Komplexe angeborene Herzfehler, bei denen die Anatomie von Aorten- und Pulmonalklappe erheblich verändert ist und ein standardisiertes Ross-Verfahren technisch nicht möglich ist.
Fortgeschrittenes Lebensalter, insbesondere wenn die langfristigen Vorteile des Verfahrens im Verhältnis zur verbleibenden Lebenserwartung weniger ins Gewicht fallen und einfachere Klappenersatzverfahren ausreichend sind.
Die sorgfältige Patientenauswahl ist ein zentrales Element des Erfolgs. Das Ross-Verfahren wird daher bevorzugt in Zentren durchgeführt, die über umfangreiche Erfahrung mit der Indikationsstellung und mit der operativen Technik verfügen.
Operatives Vorgehen beim Ross-Verfahren
Präoperative Vorbereitung
Vor Durchführung des Ross-Verfahrens erfolgt eine umfassende Diagnostik. Dazu gehören Echokardiographie, Herzkatheteruntersuchungen und bildgebende Verfahren wie Computertomographie oder Magnetresonanztomographie zur Beurteilung der Aortenwurzel, der Pulmonalklappe und der angrenzenden Gefäße. Ziel ist es, die Eignung der Pulmonalklappe als Autograft zu prüfen und mögliche Risiken frühzeitig zu erkennen.
Schrittweiser Ablauf der Operation
Das Ross-Verfahren folgt einem standardisierten, aber technisch anspruchsvollen Ablauf:
Eröffnung des Brustkorbs: Über eine mediane Sternotomie wird Zugang zum Herzen geschaffen. Der Patient wird an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, um den Kreislauf während der Operation zu sichern.
Entfernung der erkrankten Aortenklappe: Die Aorta wird eröffnet, die erkrankte Aortenklappe sorgfältig entfernt und die Aortenwurzel beurteilt.
Entnahme der Pulmonalklappe: Die Pulmonalklappe wird mitsamt einem Anteil der umgebenden Gefäßwand als Autograft präpariert. Dieser Schritt erfordert besondere Präzision, um die Integrität der rechtsventrikulären Ausflussbahn zu erhalten.
Implantation des Autografts in die Aortenposition: Die Pulmonalklappe wird in die Aortenwurzel eingesetzt, die Koronararterien werden an der neuen Wurzel reimplantiert und die Aorta wieder verschlossen. Dieser Teil des Ross-Verfahrens stellt sicher, dass die neue Aortenklappe anatomisch korrekt positioniert ist und eine optimale Ventilfunktion gewährleistet.
Ersatz der Pulmonalklappe: In die nun klappenlose Pulmonalposition wird eine biologische oder in seltenen Fällen eine mechanische Prothese eingesetzt, häufig ein Homograft oder ein Xenograft. Damit wird die Kontinuität der rechtsventrikulären Ausflussbahn wiederhergestellt.
Nach Abschluss dieser Schritte wird der Patient schrittweise von der Herz-Lungen-Maschine entwöhnt. Es folgen Kontrollen der Klappenfunktion mittels intraoperativer Echokardiographie, um die korrekte Funktion der neuen Aortenklappe und der Pulmonalprothese zu bestätigen.
Varianten des Ross-Verfahrens
Subkoronare Technik
Bei der subkoronaren Technik wird lediglich die Pulmonalklappe selbst ohne die gesamte Wurzel in die Aortenposition transplantiert. Die Klappensegel werden dabei in die vorhandene Aortenwurzel eingenäht. Diese Variante ist technisch anspruchsvoll und wird heute weniger häufig verwendet, da sie in manchen Fällen mit einem höheren Risiko für Klappenundichtigkeiten verbunden ist.
Wurzelersatztechnik
Die Wurzelersatztechnik ist die heute bevorzugte Form des Ross-Verfahrens. Hierbei wird die komplette Pulmonalwurzel als Einheit in die Aortenposition eingesetzt und die Koronararterien werden in die neue Wurzel reimplantiert. Diese Vorgehensweise ermöglicht eine anatomisch und funktionell sehr natürliche Rekonstruktion der Aortenwurzel und führt in der Regel zu ausgezeichneten hämodynamischen Ergebnissen.
Modifizierte Techniken
Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Modifikationen des Ross-Verfahrens entwickelt, etwa die Verstärkung der Autograft-Wurzel mit synthetischen Manschetten oder die Kombination mit rekonstruktiven Maßnahmen an der Aorta ascendens. Ziel dieser Anpassungen ist es, das Risiko einer späteren Erweiterung der Autograft-Wurzel zu reduzieren und die Langzeitstabilität zu erhöhen.
Vorteile des Ross-Verfahrens
Physiologische Klappenfunktion
Ein wesentlicher Vorteil des Ross-Verfahrens liegt in der nahezu natürlichen Hämodynamik der neuen Aortenklappe. Die Pulmonalklappe als Autograft zeigt eine sehr gute Öffnungsdynamik, geringe transvalvuläre Druckgradienten und eine harmonische Interaktion mit dem linken Ventrikel. Diese physiologische Funktion kann die Belastung des Herzens verringern und die Leistungsfähigkeit des Patienten langfristig verbessern.
Wachstum und Anpassungsfähigkeit
Besonders bei Kindern und Jugendlichen ist die Fähigkeit der Autograft-Klappe, mit dem Körper zu wachsen, von herausragender Bedeutung. Während mechanische oder biologische Prothesen eine feste Größe besitzen und bei wachsendem Körper potenziell zu einer relativen Einengung führen können, passt sich die körpereigene Pulmonalklappe im Rahmen des Ross-Verfahrens dynamisch an. Dadurch wird häufig die Notwendigkeit späterer Reoperationen aufgrund von Größenmismatch reduziert.
Verzicht auf dauerhafte Antikoagulation
Da beim Ross-Verfahren in der Aortenposition lebendes körpereigenes Gewebe verwendet wird, ist in der Regel keine dauerhafte orale Antikoagulation erforderlich. Dies vermindert das Risiko für Blutungskomplikationen und erleichtert den Alltag der Patienten erheblich. Lediglich in der frühen postoperativen Phase kann eine vorübergehende medikamentöse Thrombozytenaggregationshemmung angezeigt sein.
Geringeres Thromboserisiko
Autologe Klappen weisen im Vergleich zu mechanischen Prothesen ein deutlich geringeres Risiko für Thrombusbildung auf. Dies reduziert das Risiko von Schlaganfällen und anderen embolischen Ereignissen und trägt wesentlich zur langfristigen Sicherheit des Ross-Verfahrens bei.
Nachteile und Risiken
Zwei Klappenpositionen betroffen
Ein charakteristisches Merkmal des Ross-Verfahrens ist, dass aus einem primär erkrankten Klappenstand zwei operative Klappenpositionen entstehen. Neben der Aortenposition, in die die Pulmonalklappe transplantiert wird, muss auch die Pulmonalposition mit einer Prothese versorgt werden. Dadurch kann theoretisch an beiden Positionen im Verlauf ein Revisionsbedarf auftreten. Diese Verdopplung potenzieller Problemstellen ist ein wichtiger Aspekt in der Risikoabwägung.
Technische Komplexität
Das Ross-Verfahren ist technisch deutlich anspruchsvoller als ein konventioneller Aortenklappenersatz. Es erfordert eine präzise operative Planung, eine exakte Präparation der Pulmonalklappe und eine sorgfältige Rekonstruktion der Aortenwurzel. In Zentren mit begrenzter Erfahrung kann dies mit erhöhten Komplikationsraten verbunden sein, weshalb das Ross-Verfahren in der Regel spezialisierten Herzzentren vorbehalten bleibt.
Langzeitkomplikationen
Zu den möglichen Langzeitkomplikationen zählen:
Erweiterung der Autograft-Wurzel, die zu einer Aortenklappeninsuffizienz führen kann und gegebenenfalls eine Reoperation erfordert.
Degeneration der Pulmonalprothese, insbesondere wenn ein biologischer Ersatz verwendet wurde, was nach vielen Jahren zu einer erneuten Intervention führen kann.
Klappeninsuffizienzen oder Stenosen in einer der beiden Klappenpositionen, die sich im Verlauf entwickeln können.
Trotz dieser potenziellen Probleme zeigen zahlreiche Langzeitstudien, dass das Ross-Verfahren bei sorgfältig ausgewählten Patienten hervorragende Überlebensraten und eine gute Lebensqualität ermöglicht.
Ergebnisse und Prognose
Langfristige Beobachtungen von Patienten, die ein Ross-Verfahren erhalten haben, deuten auf eine Überlebensrate hin, die der altersentsprechenden Normalbevölkerung nahekommt, insbesondere bei jüngeren Patienten. Die hämodynamischen Eigenschaften der Autograft-Klappe werden vielfach als nahezu ideal beschrieben, mit niedrigen Gradienten und minimaler Turbulenz. Viele Patienten berichten über eine hohe körperliche Belastbarkeit und eine weitgehend unbeeinträchtigte Lebensführung.
Die Haltbarkeit der Pulmonalprothese hängt vom verwendeten Material, vom Alter des Patienten und von individuellen Faktoren ab. Während bei Kindern und jungen Erwachsenen mit einem früheren Ersatz der Pulmonalprothese gerechnet werden muss, kann diese bei älteren Patienten oft über viele Jahre oder Jahrzehnte funktionstüchtig bleiben. Die Möglichkeit kathetergestützter Reinterventionen im Bereich der Pulmonalklappe erweitert zudem die therapeutischen Optionen im Langzeitverlauf.
Vergleich mit alternativen Klappenersatzverfahren
Mechanische Klappen
Mechanische Aortenklappen zeichnen sich durch eine sehr hohe Haltbarkeit aus und können häufig ein Leben lang im Körper verbleiben. Allerdings erfordern sie eine konsequente, lebenslange Antikoagulation mit entsprechenden Risiken für Blutungen und Interaktionen mit anderen Medikamenten. Im Vergleich dazu bietet das Ross-Verfahren den Vorteil, auf eine dauerhafte Antikoagulation verzichten zu können, was insbesondere für junge und aktive Patienten von großer Bedeutung ist.
Biologische Klappenprothesen
Biologische Prothesen aus tierischem oder menschlichem Gewebe weisen eine bessere Biokompatibilität auf als mechanische Klappen und benötigen in der Regel keine dauerhafte Antikoagulation. Ihre Haltbarkeit ist jedoch begrenzt, besonders bei jüngeren Patienten, bei denen eine beschleunigte Degeneration beobachtet wird. Das Ross-Verfahren kombiniert die Vorteile eines biologischen Klappenersatzes mit der zusätzlichen Fähigkeit des Wachstums und der Anpassung, was es in bestimmten Altersgruppen besonders attraktiv macht.
Rekonstruktive Verfahren
In manchen Fällen können erkrankte Aortenklappen durch plastische Rekonstruktion erhalten werden. Diese Techniken sind jedoch nur bei bestimmten morphologischen Befunden anwendbar und erfordern ebenfalls hohe chirurgische Expertise. Im Gegensatz dazu stellt das Ross-Verfahren eine vollständige Erneuerung der Aortenklappe dar, wobei die natürliche Gewebestruktur weitgehend erhalten bleibt.
Patientenauswahl und Entscheidungsfindung
Die Entscheidung für oder gegen das Ross-Verfahren erfolgt im Rahmen einer individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung. Wichtige Kriterien sind:
Alter des Patienten und zu erwartende Lebenserwartung.
Art und Schwere der Aortenklappenerkrankung, einschließlich Begleiterkrankungen der Aortenwurzel.
Zustand der Pulmonalklappe und der rechtsventrikulären Ausflussbahn.
Lebensstil, berufliche Anforderungen und persönliche Präferenzen, insbesondere in Bezug auf Antikoagulation und sportliche Aktivität.
Verfügbarkeit eines erfahrenen Zentrums mit nachweislicher Expertise im Ross-Verfahren.
Die Aufklärung des Patienten umfasst eine detaillierte Darstellung der Vorteile, der potenziellen Risiken und der möglichen Alternativen. Da das Ross-Verfahren komplex ist und langfristige Konsequenzen hat, spielt die gemeinsame Entscheidungsfindung zwischen Patient, Kardiologen und Herzchirurgen eine zentrale Rolle.
Nachsorge und Langzeitbetreuung
Nach einem Ross-Verfahren ist eine strukturierte Nachsorge entscheidend. In der frühen postoperativen Phase stehen die Überwachung der Herzfunktion, die Kontrolle des Wundheilungsverlaufs und die Optimierung der medikamentösen Therapie im Vordergrund. Im weiteren Verlauf umfassen die Kontrollen regelmäßige Echokardiographien zur Beurteilung der Autograft-Klappe und der Pulmonalprothese.
Typische Elemente der Nachsorge sind:
Regelmäßige kardiologische Untersuchungen mit Bildgebung.
Anpassung körperlicher Belastung an den Heilungsverlauf.
Beratung zu Lebensstilfaktoren wie Ernährung, Bewegung und Vermeidung kardiovaskulärer Risikofaktoren.
Gegebenenfalls prophylaktische Maßnahmen gegen Endokarditis, etwa bei bestimmten zahnärztlichen Eingriffen.
Die langfristige Betreuung zielt darauf ab, mögliche Funktionsveränderungen frühzeitig zu erkennen, um rechtzeitig therapeutisch eingreifen zu können. Durch moderne Nachsorgekonzepte lässt sich die Prognose von Patienten nach einem Ross-Verfahren weiter verbessern.
Besondere Aspekte bei Kindern und Jugendlichen
Bei Kindern und Jugendlichen besitzt das Ross-Verfahren eine besondere Bedeutung, da es im Gegensatz zu starren Prothesen das Wachstum des Herzens mitvollzieht. Die Möglichkeit, eine dynamisch wachsende Aortenklappe zu erhalten, ist für diese Altersgruppe von erheblichem Vorteil. Dennoch muss bedacht werden, dass gerade bei jüngeren Patienten die Haltbarkeit der Pulmonalprothese begrenzt sein kann und im Verlauf mit Reoperationen oder kathetergestützten Eingriffen gerechnet werden muss.
Die Entscheidung zugunsten eines Ross-Verfahrens bei Kindern erfolgt daher stets in enger Abstimmung zwischen spezialisierten Kinderkardiologen, Kinderherzchirurgen und den Sorgeberechtigten. Die langfristige Perspektive, die Belastbarkeit im Alltag und die Vermeidung einer dauerhaften Antikoagulation sind zentrale Argumente, die in dieser Entscheidungsfindung berücksichtigt werden.
Rolle des Ross-Verfahrens in der modernen Herzchirurgie
In der heutigen Herzchirurgie nimmt das Ross-Verfahren eine Nischenposition ein, die jedoch für bestimmte Patientengruppen von herausragender Bedeutung ist. Es steht neben einer Vielzahl anderer Klappenersatz- und Rekonstruktionsverfahren zur Verfügung und wird vor allem dann in Betracht gezogen, wenn die langfristigen Vorteile der autologen Aortenklappe die zusätzlichen operativen Risiken überwiegen. In ausgewählten Zentren gelten die Ergebnisse des Ross-Verfahrens als Referenzstandard für den Aortenklappenersatz bei jungen Patienten.
Der technische Fortschritt, verbesserte Bildgebung und verfeinerte chirurgische Techniken haben dazu beigetragen, die Sicherheit und Effizienz des Ross-Verfahrens zu steigern. Zudem eröffnet die Entwicklung katheterbasierter Verfahren im rechten Ausflusstrakt neue Möglichkeiten, spätere Eingriffe an der Pulmonalprothese weniger invasiv zu gestalten. Somit fügt sich das Ross-Verfahren in ein umfassendes Behandlungskonzept ein, das sowohl chirurgische als auch interventionelle Optionen berücksichtigt.
Zusammenfassende Einordnung
Das Ross-Verfahren ist ein hochspezialisiertes herzchirurgisches Verfahren zum Ersatz der Aortenklappe durch die körpereigene Pulmonalklappe. Es kombiniert eine physiologisch nahezu ideale Klappenfunktion mit der Fähigkeit zu Wachstum und Anpassung und vermeidet in der Regel eine lebenslange Antikoagulation. Diese Eigenschaften machen das Ross-Verfahren insbesondere für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Aortenklappenerkrankungen zu einer attraktiven Option. Gleichzeitig erfordert das Verfahren eine sorgfältige Patientenauswahl, eine ausgeprägte chirurgische Expertise und eine langfristige strukturierte Nachsorge, da zwei Klappenpositionen betroffen sind und im Verlauf Komplikationen auftreten können.
In der Gesamtschau stellt das Ross-Verfahren ein Beispiel für die Verbindung von anatomischem Verständnis, chirurgischer Präzision und langfristig orientierter Therapieplanung dar. Es zeigt, wie durch die Nutzung körpereigenen Gewebes eine besonders natürliche Rekonstruktion der Herzklappenfunktion erreicht werden kann. In spezialisierten Zentren hat sich das Ross-Verfahren als bewährte Option etabliert, die ausgewählten Patienten eine Lebensperspektive mit hoher Belastbarkeit, guter Lebensqualität und einer Prognose eröffnet, die in vielen Fällen der gesunden Normalbevölkerung nahekommt.
Häufige Fragen zu „Ross-Verfahren“
Das Ross-Verfahren ist eine spezielle Herzoperation, bei der die eigene Lungenschlagaderklappe des Patienten die erkrankte Aortenklappe ersetzt. Die entnommene Lungenschlagaderklappe wird anschließend durch eine Spenderklappe oder ein künstliches Ersatzgewebe ersetzt.
Das Ross-Verfahren wird vor allem bei jüngeren Patienten und Kindern eingesetzt, deren Aortenklappe stark geschädigt ist. Es eignet sich besonders für Menschen, die von der natürlichen Funktion einer eigenen Herzklappe profitieren und möglichst keine dauerhafte Blutverdünnung benötigen sollen.
Da beim Ross-Verfahren eine eigene Klappe in die Aortenposition versetzt wird, passt sie sich dem Körper natürlicher an und wächst bei Kindern sogar mit. Außerdem ist das Risiko von Blutgerinnseln meist geringer, sodass oft keine lebenslange Einnahme starker Blutverdünner nötig ist.
Wie jede Herzoperation ist auch das Ross-Verfahren mit Operationsrisiken wie Blutungen, Infektionen oder Herzrhythmusstörungen verbunden. Ein besonderer Nachteil ist, dass letztlich zwei Herzklappen betroffen sind, sodass im Verlauf bei der ersetzten Lungenschlagaderklappe später erneut ein Eingriff nötig werden kann.
Viele Patienten haben über viele Jahre oder Jahrzehnte eine sehr gute Klappenfunktion und können ein weitgehend normales Leben führen. Die Haltbarkeit hängt unter anderem vom Alter, von Begleiterkrankungen und von der Qualität der eingesetzten Spenderklappe ab, regelmäßige kardiologische Kontrollen bleiben aber wichtig.

